Friedrich Pascoe - Experimente und Erfindungen

Aus großbürgerlichem Hause

Am 1. Dezember 1894 übernahm Friedrich Pascoe die 1778 eröffnete Adler-Apotheke in Mülheim an der Ruhr von Dr. Friedrich Wilhelm Mellinghoff – eine Aufgabe für die er gut gerüstet war. Der Spross einer großbürgerlichen Gießener Familie hatte nach einer Apothekerlehre Naturwissenschaften und Pharmazie studiert. Nun wollte er seine Erfolge und sein Wissen in einer eigenen Apotheke anwenden. Eine rasante Karriere, denn als Friedrich Pascoe die Adler-Apotheke kaufte und damit den Grundstein für das Unternehmen Pascoe legte, war er gerade einmal 27 Jahre alt.

Geboren wurde er am 31. Mai 1867 in Gießen als viertes von neun Kindern des englischstämmigen Bergwerksdirektors Samuel Pascoe (1835 - 1908) und seiner Frau Auguste Linz (1839 - 1908). Sie tauften ihren zweiten Sohn in englischer Tradition Arthur Frederic Henry Pascoe, genannt Friedrich. Sein Vater Samuel Pascoe war jahrzehntelang Betriebsleiter des Gießener Braunsteinbergwerks Grube Fernie und wegen seiner Fachkompetenz und seiner Fairness gegenüber den Bergleuten geachtet und beliebt. Zu Pascoes 40. Dienstjubiläum im September 1897 veranstaltete Bergwerksbesitzer Charles W. Fernie ein großes Fest mit Hunderten von Gästen, das in die Stadtgeschichte Gießens eingegangen ist. Die Feierlichkeiten eröffneten mit einem abendlichen Fackelzug: Arbeiter und Beamte des Bergwerks in ihren Ausgehuniformen zogen singend durch die Straßen.

Am nächsten Tag begleiteten sie die geschmückte Kutsche mit Samuel Pascoe und seiner Familie zum großen Festplatz. Hier war zwei Wochen lang gehämmert und gebaut worden, um Zelte und Tanzpodien zu errichten. In den Festansprachen lobten die Redner nicht nur die unternehmerischen Fähigkeiten Samuel Pascoes, sondern betonten auch das väterliche Verhältnis zu „seinen“ Arbeitern, für deren Sorgen er immer ein offenes Ohr hatte. Nachdem dem Jubilar zahlreiche Geschenke, darunter ein Pokal und silberne Schreibgeräte, überreicht worden waren, begann ein fröhliches Volksfest, das spät in der Nacht mit einem prachtvollen Feuerwerk endete.

Friedrich Pascoe stammte also aus einer großbürgerlichen Familie. Entsprechend gute Partien machten seine sechs Schwestern, von denen vier Ärzte heirateten. Der Ehemann von Friedrichs jüngerer Schwester Nelly (1872 - 1946) war der bekannte Hygieniker William Dunbar (1863 - 1922). Der in Minnesota geborene Sohn eines Bankiers und einer deutschen Pastorentochter hatte 1892 in Gießen die ärztliche Staatsprüfung abgelegt und wurde im selben Jahr in Hamburg Direktor des auf Drängen des Bakteriologen Robert Koch (1843 - 1910) gegründeten Hygienischen Instituts. Die im Sommer 1892 in Hamburg ausgebrochene Choleraepidemie hatte bereits mehr als 200 Tote gefordert, als Dunbar mit seinen Mitarbeitern den Kampf gegen die tödliche Krankheit aufnahm, an der etwa 8.600 Menschen starben.

Friedrichs älteste Schwester Henriette war mit dem Gießener Justizrat Wilhelm Grünewald (1859 - 1925) verheiratet, einer der Mitbegründer der liberalen Deutschen Demokratischen Partei (DDP), deren Wähler vor allem aus dem Bildungsbürgertum und dem Kreis der Selbstständigen und Angestellten kamen. Grünewald wurde in die Weimarer Nationalversammlung berufen und war einige Jahre Reichstagsmitglied.

Samuel Pascoe und das Gießener Braunsteinbergwerk

In der Lindener Mark am südlichen Stadtrand von Gießen wurde seit den 1840er Jahren Manganerz abgebaut. Der daraus gewonnene Braunstein war ein wesentliches Element für die Herstellung von Chlor. Chlorkalk wurde in der Textil-, Chemie-, Glas- und Stahlindustrie benötigt. Nachdem der Brite Ebenezer W. Fernie das Gießener Braunsteinbergwerk in den 1850er Jahren übernommen hatte, ging es mit der „Grube Fernie“ wirtschaftlich aufwärts. Großen Anteil daran hatte der Engländer Samuel Pascoe, den Fernie 1857 als Geschäftsführer nach Hessen holte.

Pascoe modernisierte und rationalisierte die Betriebsanlagen der Grube. Zur schnellen Beförderung großer Erzmengen setzte er Lokomotiven auf dem Betriebsgelände ein und baute eine Drahtseilbahn zum Gießener Bahnhof. 1892 ernannte der Grubenbesitzer Samuel Pascoe zum Bergwerksdirektor. Sowohl durch seine Fachkenntnisse und sein unternehmerisches Engagement als auch durch seine herzliche Art, seine Aufgeschlossenheit und patriarchalische Fürsorge gewann Samuel Pascoe das Vertrauen der Beamten und Arbeiter. An seinem 60. Geburtstag am 20. September 1895 richtete Pascoe für die Beschäftigten eine betriebliche Familienkrankenkasse ein, wodurch die Angehörigen der Mitarbeiter kostenfrei Kuren und Arzneimittel erhielten.

Die Grube Fernie in den 1950er Jahren
Die Grube Fernie in den 1950er Jahren
Die Grube Fernie in den 1950er Jahren

Apothekerlehre in Hildesheim

Die Eheschließungen der vier Pascoe-Schwestern zeigen eine unverkennbare Vorliebe für die Medizin in der Familie. Auch Friedrich Pascoe wählte einen medizinischen Beruf. Der 16-Jährige begann im November 1883 bei Robert Bohlmann eine Ausbildung in der Hildesheimer Rats-Apotheke, einer der ältesten Apotheken Norddeutschlands, die seit dem frühen 14. Jahrhundert aktenkundig ist.

Nach der Reichsgründung 1871 war die Ausbildung zum Apotheker vereinheitlicht worden: An eine dreijährige Lehre schloss sich ein dreisemestriges Studium an. Da zu den Hauptaufgaben eines Apothekers die handwerkliche Arzneizubereitung zählte, hatte Friedrich Pascoe am Ende der Lehre während eines zweitägigen Examens neben einer schriftlichen Arbeit und dem mündlichen Nachweis pharmazeutisch-botanischer und pharmazeutisch-chemischer Kenntnisse mehrere praktische Prüfungen zu bestehen: Er untersuchte Arzneien auf ihre Reinheit, fertigte Arzneipräparate nach Rezept und Arzneibuch an und übersetzte zwei Artikel aus der in lateinischer Sprache verfassten Pharmakopoea Germanica. Dieses erste reichseinheitliche Arzneibuch war 1872 herausgegeben worden und schrieb die Grundstoffe sowie die Zubereitung, Beschaffenheit, Prüfung und Aufbewahrung von Arzneimitteln vor. Nach dem erfolgreichen Abschluss seiner Apothekerlehre 1886 arbeitete Friedrich Pascoe drei Jahre in der Rats-Apotheke. Danach verließ er Hildesheim und kehrte in seine hessische Heimatstadt Gießen zurück.

Pharmazeutisches Studium in Gießen

Um eine Apotheke führen zu können, war ein Studium unabdingbar, wobei damals die Immatrikulation noch ohne Abitur möglich war. Friedrich Pascoe begann zum Wintersemester 1889/90 an der Großherzoglich Hessischen Ludewigs-Universität zu Gießen ein naturwissenschaftliches Studium. Nach einigen Semestern arbeitete er 1891 wieder für ein halbes Jahr in der Rats-Apotheke in Hildesheim, bevor er sich im Frühjahr 1892 zum zweiten Mal an der Gießener Universität einschrieb, diesmal für Pharmazie. Dass er erneut Gießen als Studienort wählte, überrascht insofern, als die dortige Pharmazie seit den 1880er Jahren einen schlechten Ruf hatte. Es fehlten einheitliche Studienpläne, das Fach Pharmazeutische Chemie wurde nicht mehr von Professoren, sondern nur von Assistenten unterrichtet und das Vorlesungsangebot verringerte sich ständig. Stattdessen hatte sich die benachbarte ehemalige kurhessische Landesuniversität in Marburg zu einer der führenden Ausbildungsstätten für Pharmazeuten entwickelt. Die Universität in Gießen verfügte über ein von dem berühmten Chemiker Justus Liebig (1803 - 1873) gut eingerichtetes Labor sowie über einen jahrhundertealten sehr schönen Botanischen Garten.

Nach vier Semestern schloss Friedrich Pascoe sein Studium im Herbst 1894 mit einer reichsgesetzlich geregelten Prüfung ab. Vor einer vierköpfigen Prüfungskommission, der universitäre Lehrer der Disziplinen Pharmazie, Botanik, Chemie und Physik und ein Apotheker angehörten, wies er seine Kenntnisse zu verschiedenen naturwissenschaftlichen Wissensgebieten sowie zu den gesetzlichen Apothekenvorschriften schriftlich und mündlich nach. Die praktischen Prüfungen umfassten die Herstellung und schriftliche Erläuterung von Arzneien und chemisch-pharmazeutischen Präparaten sowie quantitative und qualitative Analysen verschiedener mineralischer Mischungen. Außerdem musste Friedrich Pascoe mehrere vergiftete Substanzen untersuchen und das Gift bestimmen. Schließlich waren frische und getrocknete Arzneipflanzen zu beschreiben, die wirksamen Arzneibestandteile zu erkennen und Angaben zu ihrer Anwendung sowie Verfälschung zu machen. Durch seine Lehre und Studium hatte Friedrich Pascoe sehr umfangreiche theoretische und praktische Qualifikationen. Als examinierter Apotheker stand er nun vor der nächsten Herausforderung: eine zum Verkauf stehende Apotheke zu finden.

Apotheker in Mülheim an der Ruhr

Für einen jungen Apotheker war es im Wilhelminischen Kaiserreich nicht so leicht, sein eigener Herr zu werden. Für Apotheker gab es keine Niederlassungsfreiheit, der Berufsstand war aufgrund seiner Bedeutung für die Gesundheit der Bevölkerung von der seit 1861 in Preußen geltenden Gewerbefreiheit ausdrücklich ausgenommen. Daher war die Anzahl der Apotheken begrenzt: Jede einzelne Apotheke wurde in einem aufwändigen Verfahren staatlich genehmigt. Seit Sommer 1894 wurde die Betriebserlaubnis bei jedem Eigentümerwechsel vom Staat nach der sogenannten strikten Personalkonzession verliehen. Weil jedoch die Zahl der ausgebildeten Apotheker im 19. Jahrhundert stark gestiegen war, gab es zu wenige Apotheken. Die große Nachfrage trieb den Kaufpreis in die Höhe. Dass Friedrich Pascoe nur wenige Monate nach dem Ende seines Pharmaziestudiums die Adler-Apotheke in der Althofstraße 6 mitten in der Innenstadt von Mülheim an der Ruhr kaufen konnte, hing sicherlich damit zusammen, dass er finanzkräftige Eltern hatte.

Friedrich Pascoe war seit dem frühen Tod seines Bruders Rudolf 1887 der älteste lebende Sohn. Für die Mülheimer Apotheke, also das Gebäude samt Einrichtungen und Konzession, zahlte er mehr als eine halbe Millionen Mark. Das Geld war gut angelegt, denn Mülheim an der Ruhr hatte sich seit der Reichsgründung 1871 zu einer prosperierenden Industriestadt mit zahlreichen Zechen und Stahlwerken entwickelt. Gerade im bevölkerungsreichen Ruhrgebiet konnten die offiziellen, staatlich genehmigten Apotheken um 1900 die enorme Nachfrage nach Medikamenten nicht mehr befriedigen. Das galt auch für Mülheim an der Ruhr, wo vier Apotheken, die Engel-, die Hirsch-, die Adler- und die Löwen-Apotheke, rund 32.000 Menschen mit Arzneimitteln zu versorgen hatten.

Die Mellinghoff‘sche Adler-Apotheke, wie sie nach der Übernahme durch Friedrich Pascoe hieß, war drei Generationen lang im Besitz der Familie Mellinghoff gewesen. Im Erdgeschoß bot die Offizin, also der Verkaufs- und Arbeitsraum, an drei Tischen viel Platz für sechs Apothekergehilfen. Auf dem Verkaufstresen dürften neben einer großen Apothekerwaage noch kleine Handwaagen gestanden haben. An den Wänden der Offizin reihten sich Regal an Regal mit unzähligen Standgefäßen aus Glas und Keramik, die feste und flüssige Substanzen zur Arzneizubereitung enthielten. Im Arbeitsbereich bestimmten zahlreiche Tiegel, Glaskolben und Mörser, Trichter, Spatel und Löffel sowie mechanische Pressen für die Herstellung von Tabletten oder Salben das Bild. Hier wurden die Arzneien nach ärztlichem Rezept hergestellt, abgefüllt und verpackt oder auch versandt. Häufig verlangte Arzneien wurden auf Vorrat gefertigt. Über ein Laboratorium verfügte die Mellinghoff‘sche Adler-Apotheke vermutlich nicht. Denn um 1900 stellten Apotheker viele Chemikalien aufgrund des hohen zeitlichen und finanziellen Aufwandes nicht mehr selbst her, sondern kauften sie von Pharmaunternehmen wie Schering, Bayer oder Hoechst. Dafür verfügte Friedrich Pascoe über das „grösste Lager am Platze in Verbandstoffen und Artikel zur Krankenpflege aller Art in bester Qualität“. An den Arbeitsraum schlossen sich mehrere große Lagerräume mit Körben voller getrockneter Pflanzen, Fässern mit Chemikalien und Handelsware, darunter Bettunterlagen, Gummiwaren, Pariser Spezialitäten sowie Milch-Kochapparate und Thermometer. Apotheker Pascoe warb auch für den Sicherheitsschutzring nach Dr. Cave, ein Verhütungsmittel für Frauen.

Umfangreiches Warenangebot: Weine, Mineralwässer und „Spezialitäten“

Das Warenangebot der Mellinghoff`schen Adler-Apotheke umfasste auch ein Weindepot mit Rotweinen aus Deutschland, Italien, Frankreich und Ungarn, Weißweinen von Rhein, Mosel und der Pfalz und Südweinen wie Sherry, Portwein oder Marsala. Pascoe hatte ferner Spirituosen wie Rum, Arrac und verschiedene Cognacs im Angebot. Als Spezialitäten führte er Faust, bester Herren-Frühstücks-Liqueur auf dem Markt und den hocheleganten Damen-Liqueur Adonis. Eine Zeitlang bot Friedrich Pascoe auch natürliche und künstliche Mineralwässer an. Pascoe plante sogar, künstliches Mineralwasser selbst herzustellen. Allerdings gab er dieses Vorhaben rasch wieder auf, vermutlich weil eine Großproduktion aufwändige Apparaturen verlangte. Außerdem hätte Pascoe Lagerraum für das in Flaschen abgefüllte Mineralwasser und einen Transportwagen für Auslieferungen anschaffen müssen. Kurze Zeit betrieb er auch eine Drogerie und verkaufte Kosmetik- und Hygieneartikel sowie Reinigungsmittel.

Nach Friedrich Pascoes eigener Einschätzung war die Mellingshoff’sche Adler-Apotheke die größte Apotheke in Rheinland und Westfalen. Interessenten bot er „jederzeit“ eine Besichtung an, damit sie sich von den großzügigen Räumlichkeiten, der zweckmäßigen Einrichtung und der guten Ausstattung mit eigenen Augen überzeugen konnten. Seinen Kunden versprach er höchsten Service: „Schnellste und denkbar genaueste Dispensation [Zubereitung] aller Rezepte sowie sofortige Zusendung der Arzneien in alle Stadtteile und franko [porto-frei] in ganz Deutschland.“

Stolz nannte Friedrich Pascoe seine Apotheke Fabrik chemischer und pharmaceutischer Präparate. Fabrik stand für jahrhundertealte handwerkliche Apothekerkunst bei der Fertigung von Arzneimitteln. Gerade in einer Zeit, in der mehr und mehr konfektionierte Arzneien aus der pharmazeutisch-chemischen Industrie in die Apotheken kamen, bot Friedrich Pascoe seinen Kunden selbst entwickelte Medikamente als Spezialitäten seines Hauses an. 1896 brachte er Pascossan auf den Markt, ein vor allem aus Kalk und Eisen bestehendes Pulver zur Stärkung der Knochenbildung. Pascoe warb mit der guten Verträglichkeit der Arznei und empfahl sie auch für Kleinkinder. Zwei Jahre später präsentierte er Pascoe’s Aromatische Eisentinctur, die in Brüssel, Paris und Marseille prämiert worden war und die er zur Behandlung bei Bleichsucht, Schwächezuständen und Appetitlosigkeit anbot.

Verkauf der Mellinghoff’schen Adler-Apotheke

Insgesamt war Friedrich Pascoe acht Jahre lang Apotheker in Mülheim. In dieser Zeit heiratete er im Oktober 1896 Hermine Heide, mit der er drei Kinder hatte: Am 12. Juli 1897 wurde Erica Julia Augusta geboren, am 7. August 1898 Margareta Henriette Marie und am 21. September 1899 der einzige Sohn Friedrich Samuel Jacob, genannt Fritz.

Über die Gründe, aus denen Friedrich Pascoe im Oktober 1902 die Mellinghoff’sche Adler-Apotheke verkaufte, lassen sich nur Vermutungen anstellen. So könnten sich die Geschäfte wegen des Wandels im Apothekenwesen nicht wie erhofft entwickelt haben, weil die Arzneimittelherstellung nicht mehr dem Monopol der Apotheken unterlag. Immer mehr chemische Industrieunternehmen entdeckten Ende des Jahrhunderts die Herstellung von Fertigarzneimitteln als vielversprechenden Geschäftsbereich. Das 1894 in Kraft getretene Warenschutzgesetz verbot den Apothekern ausdrücklich, selbsthergestellte Arznei unter dem Namen eines eingetragenen Warenzeichens wie Aspirin zu verkaufen, wenn das spezifizierte industriell hergestellte Medikament auf dem Rezept vermerkt war. Hinzu kam, dass eine immer größere Zahl von Arzneien zum Freiverkauf zugelassen wurde. Pharmazeuten, die die Geldmittel für eine Apotheke nicht aufbringen konnten oder wollten, umgingen das Konzessionssystem zur Betriebserlaubnis von Apotheken und eröffneten eine Drogerie, wozu sie nur einen Gewerbeschein benötigten. Diese „Wilden Apotheken“ verkauften Arzneien häufig zu niedrigeren Preisen als Apotheken.

Nach dem Verkauf der Apotheke in Mülheim war Friedrich Pascoe 16 Jahre in ganz Deutschland aktiv. Für diesen Zeitraum gibt es nur wenige Quellen; bisweilen ist lediglich die Firma oder der Aufenthaltsort bekannt. In Kaiserslautern führte Pascoe offenbar eine Apotheke, in Bad Homburg die A. F. H. Pascoe Fabrik chemisch-pharmazeutischer Praeparate. Eine Zeit lang hielt sich Friedrich Pascoe in Wiesbaden auf, wo er mehrere Unternehmen betrieb. Nur über seine Jahre in Hamburg ist Näheres überliefert.

Friedrich Pascoe in Hamburg: Vorreiter der Heilpflanzenarznei

Friedrich Pascoe kam 1907 nach Hamburg. Hier gründete er die Firma A. Frederic H. Pascoe chemisch-pharmazeutische Präparate, die sich auf Pflanzenarznei spezialisierte, und die Aurora Werke Hamburg, die Tees, Nährsalze, Trockenobst, Öle und Fruchtpasten im Angebot hatte. Unter der Marke Pascoe’s Nährmittel warb er für „eine Anzahl erstklassiger und reinster Genussmittel“ und folgte damit einem Trend zur Markenbildung. Innerhalb kürzester Zeit eroberten die Pascoe-Produkte Hamburg: Pascoe’s Brustpastillen, Pascoe’s Fruchtemulsion zur Kräftigung des Organismus, Pascoe’s Breakfast Tee, Pascoe’s Deutscher Tee Erika, Pascoe’s Pfeffermünzgeist zur Stärkung der Verdauungsorgane sowie Pascoe’s getrocknete Bananen mit einem hohen Nährwertgehalt. Das Sortiment umfasste auch Fichtennadelextrakt gegen Hautleiden und rheumatische Beschwerden, australisches Eukalyptusöl zur Anwendung bei Augen-, Ohren- und Nasenerkrankungen, ätherische Öle von Lavendel, Salbei und Zypresse zur Behandlung von Husten, Magenschmerzen und Asthma sowie das „ozonreiche“ Zimmerparfüm Edeltannenduft. Pascoe warb für kosmetische Pflanzenpräparate zur Kräftigung des Haars, zur Reinigung unreiner Haut, zur Augenpflege sowie zur desinfizierenden und erfrischenden Mund- und Zahnhygiene sowie für Pascoe’s Augenwasser und Pascoe’s Kräuterseife, die Königin der Kräuterseifen.

1909 betrieb Friedrich Pascoe mit Kompagnons einen Großhandel für Getreide, Mehl und Futtermittel sowie pharmazeutische Präparate, der allerdings innerhalb eines Jahres wieder verkauft wurde.  Im Vordergrund seiner geschäftlichen Aktivitäten in Hamburg stand eindeutig die Herstellung von Pflanzenarznei. „Schon vor tausend Jahren haben sich die Völker zu Heilzwecken der Natur bedient und endlich fängt es auch bei uns an, sich mehr und mehr der uns von der allgnädigsten Natur in so überaus reichem Maße dargebotenen Schätzen zu bedienen. Noch sind die meisten Schätze unserer Wälder und Felder dem Volke unbekannt, noch wird manches Kräutchen unbeachtet weggeworfen oder zertreten und Niemand ahnt, welche Heilkraft in diesen kleinen Zeugen der großen Allweisheit sitzt!“ 

Mit diesen Worten aus seinem Prospekt über Spezial-Kräutermischung Espekaëm warb Friedrich Pascoe für die Verbreitung der Heilpflanzenarznei.

Seit der griechische Arzt Pedanios Dioskurides im ersten nachchristlichen Jahrhundert in seinen „Fünf Büchern der Arzneimittellehre“ mehr als 800 Pflanzen und ihre Heilwirkungen beschrieben hatte, waren Arzneimittel aus Pflanzen bis in das 18. Jahrhundert hinein das Heilmittel erster Wahl. Zahlreiche Kräuterbücher gaben das Erfahrungswissen über Heilpflanzen weiter. Das Wissen über die Heilwirkungen von Pflanzen war in der Bevölkerung weit verbreitet. Mit dem Aufkommen der naturwissenschaftlichen Medizin im 19. Jahrhundert ging dieses Wissen mehr und mehr verloren. Friedrich Pascoe wollte daher mit seiner 1909 erschienenen Broschüre Aufklärendes und mehr Verständnis für Heilkräuter schaffen.

Mittlerweile beschäftigte er sich seit 25 Jahren mit den arzneilichen Bestandteilen der Pflanzen. Dabei hatte er festgestellt, dass die Wirkstoffe beispielsweise kalkreicher Pflanzen bei Lungenleiden Heilung brachten und wirksame Substanzen kalireicher Pflanzen bei Harnbeschwerden halfen.

Er entwarf speziell zusammengestellte Kräutermischungen gegen 45 Indikationen, darunter Magenkrebs, Fettleibigkeit und Impotenz, die er unter der Marke Espekaëm anbot.

Sein Credo: Die Heilkraft der Natur nutzen. Seinen Kunden versprach er, nur Pflanzen bester Qualität zu verwenden und sie frisch und sorgfältig zu verarbeiten. Die Espekaëm-Mischungen verkauften sich immer besser, bald auch deutschlandweit.

Wanderjahre

Die Geschäfte mit den Pascoe- und Espekaëm-Markenprodukten liefen so gut, dass Friedrich Pascoe sein Unternehmen 1909 als „wohl mit das größte Kräutergeschäft in seiner Art“ bezeichnete. Warum er trotz seines Erfolgs in der Hansestadt im April 1912 Hamburg Richtung Wiesbaden verließ, ist nicht überliefert. Er verlegte den Sitz seiner Firmen A. Frederic H. Pascoe und Aurora Werke Hamburg in den international bekannten Kurort, wo es zahlreiche Thermal- und Mineralquellen gab; vielleicht weil er hoffte, mit seinen Heilpflanzenarzneien in das Wiesbadener Kurgeschäft einsteigen zu können. Unbekannt ist auch, warum er dort die Gastwirtschaft „Nonnenhof“ übernahm.

Nur wenige Monate nach seiner Ankunft in Hessen verkaufte Friedrich Pascoe im Oktober 1912 die Firma zur Produktion pharmazeutischer Präparate an die Apotheker Otto Ascherbehl aus Berlin-Charlottenburg und Hermann Jolk aus dem ostfriesischen Greetsiel. Wegen des Erfolgs der pharmazeutischen Produkte behielten seine Nachfolger den Namen Pascoe in der Firmierung bei. Dass Friedrich Pascoe nicht nur Maschinen, Gerätschaften, Einrichtungsgegenstände und sämtliche Warenvorräte, sondern auch alle Rezepte, Schutzmarken und patentamtlich eingetragenen Warenzeichen veräußerte, lässt vermuten, dass er sich unternehmerisch neu orientieren wollte.

Unter der Privatadresse Klarenthaler Straße 1 firmierte er seit Ende Mai 1913 als „Generalvertreter für Warenagenturen,“ wahrscheinlich führte er auch die Nährmittelfirma Aurora Werke Hamburg weiter. Etwa ein Jahr später begann am 1. August 1914 der Erste Weltkrieg und beendete vorerst die wirtschaftlichen Aktivitäten zahlreicher Unternehmer, auch die von Friedrich Pascoe. Die Kriegswirtschaft drängte nach und nach die zivile Produktion zurück und führte zu Rohstoffmangel. Irgendwann während der Kriegsjahre zog Friedrich Pascoe nach Pfastatt im Elsass. Die Umbruchszeit nach dem Ende des Ersten Weltkriegs 1918 bot für einen umtriebigen Unternehmer wie Friedrich Pascoe neue Chancen.

Pflanzenarznei: von der Volkskunde zur Wissenschaft

In volkskundlichen Überlieferungen waren Heilwirkungen von Pflanzen seit Jahrhunderten als Erfahrungswissen bekannt. Im späten 17. Jahrhundert begannen Forscher in Frankreich mit der naturwissenschaftlichen Identifizierung von Pflanzenwirkstoffen. Als es dem Apothekergehilfen Friedrich W. Sertürner (1783 -1841) im Jahr 1805 gelang, das erste Alkaloid (Morphin) aus dem Schlafmohn zu isolieren, erlebte die Pflanzenanalyse einen großen Aufschwung. Als eigenständige Wissenschaft wurde sie als experimentelle Pharmakognosie – heute ein Teilgebiet der pharmazeutischen Biologie – vom Schweizer Apotheker Friedrich A. Flückiger (1828 -1894) im letzten Drittel des 19. Jahrhunderts in Bern begründet. Aufgabengebiet dieser Forschungsdisziplin war die naturwissenschaftlich exakte makroskopische und mikroskopische Beschreibung der Heilpflanzen und deren chemische Analyse der Inhaltsstoffe.

Eine weitere wichtige Station auf dem Weg zur heutigen medizinisch anerkannten Phytotherapie (Pflanzenheilkunde), einem vom Stabsarzt Karl Kahnt geprägten Begriff, war die vom Franzosen François Magendie (1783 -1855) begründete experimentelle Pharmakologie. Ihr Forschungsgegenstand ist die Wirkungsuntersuchung von Substanzen im Organismus. Das erste experimentell forschende Pharmakologische Institut der Welt errichtete der Mediziner und Pharmakologe Rudolf Buchheim (1820 -1879) um 1850 im baltischen Dorpat (heute Tartu, Estland) an der dortigen deutschsprachigen Universität.

Naturheilkunde: Protagonisten und Richtungen

Seit dem frühen 19 Jahrhundert erhielt die Naturheilkunde großen Auftrieb. Gegner der Schulmedizin lehnten Aderlass, Brechkuren und giftige Arzneien ab und forderten, die Heilkräfte der Natur bei der Behandlung von Kranken stärker zu nutzen. Vertreter der Naturheilkunde praktizierten Luft- und Sonnenbäder, Kaltwasserkuren sowie Lehmbäder und empfahlen eine diätetische oder vegetarische Ernährung. Der einflussreichste Vertreter der Wasserheilkunde (Hydrotherapie) war Vincenz Prießnitz (1799 -1851), ein Bauernsohn aus dem schlesischen Gräfenberg. Er entwickelte ein ganzheitliches therapeutisches System von Kaltwasserkuren, die Wasserbäder, Schwitzen und Trinken mit viel Bewegung und einer einfachen gemischten Ernährung kombinierten. Seine Heilerfolge machten seine Kuranstalt in Gräfenberg deutschlandweit bekannt: Im Jahr 1839 kamen 1.700 Kurgäste, darunter mehr als 100 Ärzte.

1896 gründete der Buchhändler Adolf Just (1859 -1936) nach dem Vorbild des Schweizer Färbereibesitzer Arnold Rikli (1823 -1906) im Harz die Naturheilanstalt „Jungborn“. In der weitläufigen Anlage nahmen Patienten tagsüber nackt Luft- und Sonnenbäder in freier Natur und schliefen nachts in „Lichtlufthütten“. Just machte auch die innere und äußere Anwendung von Heilerde populär. Ende des 19. Jahrhunderts etablierte sich die Naturheilkunde in der Wissenschaft. Der erste deutschsprachige Lehrstuhl für Hydrotherapie wurde 1899 in Wien begründet und die ersten deutschen Lehrstühle für Naturheilverfahren entstanden 1920 in Berlin und 1924 in Jena. Heute gibt es in Deutschland 12 Stiftungsprofessuren für Naturheilkunde.

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